
„Im echten Manne ist ein Kind versteckt, das will spielen“ (Friedrich Nietzsche)
Was dem Mädchen die Puppe, war dem Knabe der Zinnsoldat – ein Spielzeug um sich auf seine spätere Rolle vorzubereiten.
Menschendarstellungen sind fast so alt, wie die Menschheit selbst. Den ersten nahen Anverwandten des Zinnsoldaten aus Blei in Westeuropa fand man am Rhein. Er dürfte aus der Zeit 100 v. Chr. stammen.
Erzfigürchen aus Bronze oder Rotguss (Kupferlegierungen) waren auch während des Altertums bei den Griechen und Römern beliebt. Allerdings schwer herzustellen. Das leichte und geschmeidige Zinn trat auf den Plan. Ihm wurde bis zu einem Drittel Blei beigemengt.
Die gewerbsmäßige Herstellung von Zinngegenständen im Abendlang begann während des 13. Jahrhunderts. Zunächst waren es religiöse Motive und Behälter, Votiv- und sakrale Kleingegenstände, die in Pilgerkreisen sehr beliebt waren und in den Verkaufsbuden der Wallfahrtsorte feilgeboten wurden. Kinderspielsachen kamen erst später dazu.
Nürnberg erwarb sich schon gegen Ende des 16. Jahrhundert als Stadt der Zinngießer einen weitverbreiteten Namen. Die erste Blüte erlebte diese Zunft im 17. Jahrhundert. Der Rohstoff wurde verhältnismäßig billig und in großen Mengen aus Ostindien importiert.
Doch erst Mitte des 18. Jahrhunderts sollte der Siegeszug der gegossenen Figuren als Kinderspielzeug in billiger Ausführung – doch bunt bemalt – beginnen. Die ersten genannten Herstellungsorte waren Nürnberg, Fürth in Bayern, Aarau in der Schweiz und Straßburg im Elsass. Die leichte, flach auf einem Sockel stehende bemalte Zinnfigur verdrängte ihren etwas plumpen, massiven Kameraden – den Bleisoldaten – und eroberte den Weltmarkt.
Beeinflusst und gefördert durch den Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763) in Deutschland wurde der Zinnsoldat zum Knabenspielzeug erkoren. Aber auch der Österreichische Erbfolgekrieg (1741 – 1748) brachte Kupferstiche und Ausschneidebögen hervor, die der Bergmannschen Offizin als Vorbild gedient hatten.
Die Nürnberger Zinngießer legten sich später auf eine Einheitsgröße fest – 30 mm vom Scheitel bis zur Sohle. So konnten die Figuren verschiedener Offizine (Hersteller) miteinander verwendet werden.
Kriegsspiele waren alsbald eine liebgewonnene Beschäftigung. Geschütze schossen mit Erbsen auf Soldaten. Ganze Armeen schlugen Schlachten gegeneinander.
Mit diesen Spielen sollten zugleich auch geschichtliche Ereignisse anschaulich dargestellt werden. Jedoch wurden die Zinnsoldaten – wegen Verbreitung militärischen Geistes – besonders nach dem 2. Weltkrieg - stark angegriffen. Standhaft bleiben sie dennoch.
In Deutschland waren Zinn- und Bleisoldaten Anfang des 19. Jahrhunderts das beliebteste und begehrteste Spielzeug. Die Nachfrage war groß, und so suchte jeder, der konnte, sich an der Produktion zu beteiligen. Meist halfen auch die Kinder mit.
Auch die „friedliche Produktion“ jenseits der Soldatenwelt erfreute sich großer Beachtung. Von Reisenden in die Welt getragen, entstanden Themen wie das „Paradiesgärtlein mit Adam und Eva“. Die „Ernte“, „Weinlese“, „Menagerie“, der „Jahrmarkt“. Alles, was sich in Zinn gießen und bemalen ließ, wurde so zu neuem Leben erweckt. Zinnfiguren-Offizine waren und sind mit ihren Produkten immer am aktuellen Stand. Keine Erfindungen, die sich nicht auch im Miniaturformat nachbildeten – Hochräder, Fahrräder, Autos, Flugzeuge und Raumschiffe.
Der erster Weltkrieg versetzte der europäischen Zinn- und Bleifigurindustrie einen empfindlichen Stoß. Daran war neben dem Mangel an Rohstoffen auch der Mangel an Arbeitskräften schuld.
Jedoch entwickelte sich in den Friedensjahren 1925 – 1939 ein wahrer Tummelplatz militärischer und ziviler Figuren aller Art und aller Staaten. Das „Zinnreich“ dehnte sich bis Süd- und Nordamerika aus.
Die erste moderne internationale Ausstellung fand 1939 in Leipzig statt. Der dann folgende 2. Weltkrieg vernichtete viel Vorhandenes.
Das einzige österreichische Zinnfigurenmuseum in Pottenbrunn musste vor zwei Jahren aus mangelndem Interesse der Verantwortlichen seine Pforten schließen. Derzeit laufen allerdings bereits Verhandlungen für ein neues Zinnfigurenmuseum, könnte es Zinnfiguren doch wieder einem größeren Publikum zugänglich machen und die begreifbare Form der Geschichte wieder Fuß fassen lassen.
Außerdem gibt es zwei Sammlerclubs mit eigenen Sammlernachrichten.
„Der Mensch ist nur ganz Mensch, wo er spielt.“ (Friedrich Schiller)
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